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Institut für Rechtsfragen der Freien und Open Source Software

GASTKOMMENTAR: Wizards of OS 2 - Gedanken zum Softwarecode und seiner bildungspolitischen Abstrahlung

Von Manuel Zahn

"Der Code ist politisch" resümierte Florian Cramer im Abschlusspanel ("Kollektive Intelligenz") der diesjährigen Konferenz "Wizards of OS 2". Der konzeptionellen Vorarbeit Volker Grassmucks ist es zu verdanken, dass in den drei Konferenztagen intensiv die politische Bedeutung des "software - code" aus unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert werden konnte.

Der Code umgibt uns.
Softwaretechnologie und softwaregestütztes Wissen bestimmen große Teile unserer Lebenswelt. Die aktive Teilnahme an der Gestaltung dieser, wird/ist zunehmend eine Frage von "Lebensqualität" und "Selbstbestimmung". Der offene und freie Softwarecode als ein Projekt der Aufklärung? - zumindest eine Themenstellung mit bildungspolitischer Brisanz.
Deutsche Schulen werden mit wirtschaftlicher Unterstützung "vernetzt" und in der Bildungsdiskussion hat die Verwendung des Begriffs der "Medienkompetenz" inflationäre Ausmasse angenommen. Doch endet der Begriff von "Kompetenz" meist an der Benutzeroberfläche von softwaregestützten Medien. In der praktischen Umsetzung der Medienpädagogik mündet der Umgang mit softwaregestützem Wissen nicht selten (wenn sie sich auf die Vorgaben proprietärer Software verlässt) in einer "Power-Point-Kultur" digitaler Overheadfolien in den Klassenzimmern deutscher Schulen.
Der pädagogische Wert von einem offenen und freien "software - code" ist auf diesem Hintergrund nur zu offensichtlich: während geschlossene Software ihre Benutzer zu blossen Anwendern degradiert, deren "Kompetenz" an der Beherrschung der Oberflächen verharrt, ermöglichen offene Quellcodes Partizipation und fördern eine Verantwortlichkeit der Benutzer im Sinne einer Mitgestaltung. Dies entspräche auch den Forderungen des KMK - Beschlusses vom 25.11.1983; in diesem ist:
"(...) die Medienerziehung integraler Bestandteil des Unterrichts in allen Schularten mit dem Ziel, die Schüler zu befähigen, verfügbare Medien verantwortlich und sinnvoll zu nutzen sowie wertorientierte Einstellungen zu entwickeln und entsprechende Verhaltensweisen auszubilden. Sie ist keinem besonderen Unterrichtsfach zugeordnet, sondern Gegenstand des Unterrichts einer Reihe von Fächern" (Sekretariat der Kultus-ministerkonferenz 1986, S.14).
Die Medienerziehung schließt im besonderen die Beschäftigung mit den "neuen Medien" und deren Möglichkeiten der Aufnahme und der Produktion von Wissen in hyper- und multimedialen Umgebungen, mit ein. Die kritische Arbeit an den "Originalquellen" softwaregestützten Wissens, ist hier zur Ausbildung "wertorientierter Einstellungen" und einer Teilhabemöglichkeit an diesem Wissen von elementarer Wichtigkeit. Erste wichtige Schritte in diese Richtung sind schon gemacht worden: "Pingos" versteht sich als Initiative, die den Schülern (und Lehrern) genau diese Möglichkeit einer Teilhabe am "software - code" nicht vorenthalten will.

"Kultur-Technik"
Wenn man also weiterhin unter Bildung so etwas verstehen will, wie eine Teilhabequalifikation, muß man einsehen, dass das Werden und Sein des Menschen fundamental in einem "symbolischen Universum" verankert ist, und "Medienkompetenz" als die zentrale Fähigkeit zur Teilhabe an diesem verstehen. Das "symbolische Universum", die Welt der Zeichen, schliesst auch den "Code" der Software mit ein, die es uns ermöglicht Wissen in digitaler Form aufzuspüren, zu ordnen, zu speichern, zu produzieren und zu vermitteln. Ist das "Lesen und Schreiben" des "software - code" als sprachliches Phänomen möglicherweise eine neue, zukünftige Disziplin im Kanon der Kulturtechniken?

"Kenne deine Software!"
Wie schnell es vorbei sein kann mit der Teilhabe am weltweiten digitalen Wissensnetz, ohne ein nötiges Grundwissen über den "software - code" (eines Betriebssystems als Beispiel) zu haben, illustriert eine Begebenheit, die jeder kennt, der mit gewisser Regelmäßigkeit seine Mailbox abfragt: die Viruswarnung.
Vor einiger Zeit wies eine Mail den Leser darauf hin, dass ein besonders tückischer Virus im Internet zirkuliere. Dieser könne sich unbemerkt in die "Privatsphäre des heimischen PCs" einschleichen und dort wichtige Systemdateien zerstören. Indem man eine bestimmte Datei, die dem Virus als "Wirt" diene, löscht, könne man sich schützen. Daraufhin hatten Tausende von verängstigten Usern die, in der Mail angegebene, "Wirt-Datei" gelöscht und somit ihre Rechner zum Absturz gebracht. Die in der "Viruswarnung" benannte Datei, war selbst eine wichtige Systemdatei....nur: wer wusste das schon?

Der Autor ist Heilpädagoge, Student der Pädagogik, Psychologie und Mitarbeiter der "Forschungs- und Le[ ]rstelle. Kunst, Pädagogik, Psychoanalyse" der Universität Hamburg.

Anmerkung der Redaktion: Freie Software regt nicht nur zum Nachdenken über juristische Fragen des geistigen Eigentums an, sie steht auch im Mittelpunkt einer breitgefächerten Diskussion in den Geistes- und Medienwissenschaften. Die "Nachricht der Woche" wird sich in Zukunft in loser Reihenfolge für Anmerkungen und Kommentare fremder Federn öffnen, um Einblicke in andere Disziplinen zu gewinnen. Anregungen und Vorschläge sind uns herzlich willkommen - natürlich auch von juristischen Autoren.